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Drachen- und Gleitschirmclub Loffenau e.V.

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 Von den Anfängen der Drachensports in Deutschland   -   ein Beitrag von Uli Blumenthal

Im April 1973 hatte Pionier Mike Harker mit seinem spektakulären Flug von der Zugspitze für eine kleine TV-Sensation gesorgt und manchen Zeitgenossen zur Erfüllung von bisher für unmöglich gehaltenen Träumen animiert. Ein wahres Flugfieber brach aus, und manch ein Bruchpilot avancierte über Nacht zum Fluglehrer - mit zweifelhaften Schulungsergebnissen. 

drachenstart geschichtedesvereins1Die "1. deutsche Drachenflugschule Kiedaisch" in Stuttgart versuchte es mit mehr Professionalität und schulte nach Richtlinien des US-Halbbluts Mike Harker. Allerdings gab es noch keine allgemein anerkannten Standards, und auch die Sicherheit der flattersturzgefährdeten bunten Dacronflügel ließ stark zu wünschen übrig.Als dann aber der legendäre Sportreporter Heinz Mägerlein zur Weihnachtszeit im Fernsehen den Skiwinter 1976 einläutete und dabei auch einen etwa 15minütigen Flug im Rogallo (der NASA-Ingenieur Francis Rogallo plante die Rückführung von Raumkapseln mit Deltaflügeln und gab so unserem Sportgerät seinen Namen)   bei St. Moritz präsentierte, war`s aus mit meiner Zurückhaltung: Gleich im Frühjahr fuhr ich zum Skihang nach Freudenstadt, wo Reinhold Speidel unter den Fittichen der Flugschule Kiedaisch einen Schnupperkurs anbot.Obwohl (oder vielleicht gerade weil) sein Assistent Ottmar selbst nicht so genau wusste, wie "es" funktioniert, geriet meine erste Laufübung unversehens zu einem Hundertmeterflug. Trotz der abrupten Landung in einem Morastloch ein unbeschreibliches Gefühl - der Flugbazillus hatte mich infiziert. Ungeduldig konnte ich kaum die Wochenenden abwarten, um in Freudenstadt, in den Alpen und später am Skihang in Baiersbronn meine neuerworbenen Künste zu erproben.                      

Die 200 Höhenmeter am Stöckerkopf ließen gerade mal 2 Flugminuten zu, aber neuere Geräte mit unprofilierten Segellatten und etwas geringerer Flächentiefe ermöglichten bald schon Flüge von mehreren Minuten, was die Begeisterung weiter schürte.

Bei den ersten Meisterschaften wurden die Besten nach Flugzeit und Landepunkten ermittelt - und Hunderte von Zuschauern ließen sich den neuartigen Nervenkitzel nicht entgehen. So auch im April 1977, wo in Baiersbronn die "2. Baden-Württembergischen Meisterschaften im Hängegleiten" ausgetragen wurden. Und im blutjungen Sport gab es tatsächlich schon eine "Oldtimerklasse", die ich mit meinem veralteten Knuth-Standart gewinnen konnte - die neuen Drachen wie Ludwig Thalhofer‘s Flamingo waren allerdings die wahren Publikumsattraktion, denn bei ihnen war im Gegensatz zu den Drachen der ersten Generation der Name Hänge-"Gleiter" schon eher angebracht.

Auf der Rückfahrt von Baiersbronn nach Bad Wildbad nahm ich - wie damals üblich - einen Umweg in Kauf, denn wo immer ich auch hinfuhr, war ich nebenbei auf der Suche nach einem höheren, besseren Fluggelände. Beim heimischen Kartenstudium war mir schon lange die Teufelsmühle bei Loffenau ins Auge gestochen: Satte 550 Höhenmeter und nach Westen hin freie Anströmung ließen mein Fliegerherz schneller schlagen; ob es dort aber auch Start- und Landemöglichkeiten gab...? Von Gernsbach die Straße heraufkommend fiel mir gleich rechts die Wiese im Igelbachtal ins Auge - wenn auch nicht gerade üppig, so bot diese zweifellos Landemöglichkeiten für unsere damals doch noch plumpen Vögel (heute fliegen wir aus 1 Meter Höhe ca. 12 Meter weit, damals etwa die Hälfte - deshalb ist das Landen auf dem inzwischen nur noch halb so großen Platz heute bedeutend schwieriger). Als mein Auge in Richtung Teufelsmühle wanderte, erblickte es zunächst nur ein dunkles  Meer aus Nadelbäumen. Bis es, kurz unterhalb des Gipfels, an einer winzigen Schneise hängenblieb... Der Fahrweg bergauf war beschwerlich, denn es hatte gerade frisch geschneit. Mit Ach und Krach und etlichen Rutschern war bald das Berggasthaus Teufelsmühle erreicht, wo ich dem Seniorwirt Herrn Treiber von meinem Anliegen erzählte. Er wusste von keiner Schneise - war alles nur ein Wunschtraum gewesen? Über eine halbe Stunde klapperte ich das Gelände unterhalb der Teufelsmühle ab, bis endlich der künftige Startplatz gefunden war: eine Lichtung, die nach Fällung einiger Bäume und Aufschütten einer kleinen Rampe Flüge für die Flamingo-Generation ermöglichen sollte. Wieder im Gasthaus angekommen, gab mir der Wirt die Telefonnummer vom damaligen Bürgermeister Hini, der sich später dem Vorhaben gegenüber aufgeschlossen zeigte. Auch Gemeinderat und Forstverwaltung zogen mit an einem Strang, so dass der Realisierung eines Traumes bald nichts mehr im Wege stand. Mit Paul Kofler an der Spitze, Detlef Oswald und einigen Helfern wurde die Genehmigung durch das Regierungspräsidium Karlsruhe erreicht sowie nach der Rodung einiger Bäume das Startgelände in mühsamer Arbeit hergerichtet. 

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Pfingsten 1977 war es dann endlich soweit: Reinhold Speidel weihte mit seinem Flamingo das herrliche Fluggelände am ruhigen Abendhimmel ein, und wir anderen, unerfahreneren Piloten durften in sicherem Abstand folgen. Dabei stellte sich nun auch in der Praxis heraus, dass die Oldtimergeräte zu kurz glitten, denn Hartmut Bosselt musste auf der Waldwiese unterm Bockstein notlanden.
Auch die Startrampe mit dem etwa 5 Meter langen, flachen Anlauf führte in jenen Anfangstagen zu so manch verbogenem Rohr.

 Unter den Fittichen des TSV Loffenau und dessen rührigem Vorsitzenden Otto Bührer wurde am 17. September 1977 im Haus des Gastes dann der Drachenflugclub Loffenau aus der Taufe gehoben, der sich im folgenden Jahr unter Detlef Oswald selbständig machte. Bemerkenswert war die Begeisterung der Einheimischen für unseren außergewöhnlichen Sport, was sich auch in den zahlreichen sehr aktiven, passiven Mitgliedern widerspiegelte. Lange Jahre war der Sohn eines dieser Enthusiasten, Edwin Hecker, selbst aktiver Pilot und gleichzeitig 1. Vorstand. Bleibt zu hoffen, dass der DCL 25 Jahre nach seiner Gründung trotz der inzwischen eingekehrten Routine wieder jene enge Bindung zur Bevölkerung Loffenau´s herstellen kann, die ihn in jenen Anfangsjahren hilfreich begleitete. Denn in unserem Ländle gibt es nur wenige Fluggelände, die sich mit Loffenau in punkto landschaftlicher Schönheit und Aufwinden messen können. 

UB († 01.11.2015)